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Mein Sohn will gerne eine Frau sein - so what?

quelle: denise neghmouchi

 

 “Mama, wenn ich groß bin, will ich auch eine Frau sein!”, flüsterte mein Sohn letztens hingerissen, während er mich beim Schminken beobachtete. “Dann kann ich mich auch immer so schön schmücken, genau wie du!”

 

Ich liebe es, wenn mein Sohn noch völlig unbefangen von der Meinung der Gesellschaft solche Dinge von sich gibt. Warum? Weil ich ihn nicht in gesellschaftliche Förmchen zwängen will, die ihn limitieren. Dass er als Junge geboren ist, weiß er. Er kennt auch schon ganz genau den Unterschied zu Mädchen. Und gerne mal wiederholt er, was er im Kindergarten aufgeschnappt hat. “Mama, du musst den rosa Löffel für deinen Joghurt nehmen, weil du ein Mädchen bist.” Augenrollen meinerseits.

 

Die Angst vor dem "schwul" machen

 

Als er mich in den Vorbereitungen auf die Hochzeit einer Freunadin beim Nägel lackieren beobachtete, wollte er auch rote Nägel haben. Aus dem einen Daumennagel, dem ich ihm zugestand, wurden dann doch alle fünf Nägel an einer Hand. Den ganzen Tag hielt er den Hochzeitsgästen sein kleines Händchen unter die Nase. “Guck mal, wie cool! Hat meine Mama gemacht.” Was folgte war eine Diskussion mit einem Bekannten, der mich fragte, warum ich aus meinem Sohn “unbedingt eine Frau machen wolle”. Die Snapchat-Bilder, die ich ihm letztens gezeigt hätte, auf denen mein Sohn lachend den Make Up-Filter ausprobiert hatte, seien ja auch schon grenzwertig gewesen. Ich musste schmunzeln und fragte ihn: “Wenn deine Tochter sich die Haare abrasieren würde und Baggerfahrerin wird, wie würdest du reagieren?” Die Antwort kam blitzschnell: “Meine Süße kann werden, was sie möchte. Und wenn sie einen typischen Männer-Beruf ausüben will, fänd ich das cool. Ich mag starke Frauen.”

 

Da! Da ist es wieder: das “Starke-Frauen-Argument”! Ich liebe starke Frauen auch. Ich bin eine von ihnen. Eine, die allerdings auch lernen musste, dass es okay ist die eigene Weiblichkeit zu leben. Sie anzunehmen, zu umsorgen und rauszulassen. Weil ich viele Jahre überwiegend meine männlichen Anteile ausgelebt habe. Einfach, weil ich es musste, um den Umständen in meinem Leben emotional gewachsen zu sein. Doch was bedeutet das? Weiblichkeit?

 

Leila Bust, Autorin des Buches “Weiblichkeit leben”, beschreibt Weiblichkeit  in einem Interview  so: “Die feminine Energie repräsentiert eine offene und rezeptive Haltung: Sich auf andere einstellen, Empathie, Mitgefühl und die Fähigkeit, mit dem anderen zu verschmelzen, sich in ihm aufzulösen, sind zum Beispiel Ausdrucksformen des Femininen. Im Eros drückt sich das Feminine als reine Lebenskraft und Daseinsfreude aus, als Schönheit, Ästhetik, Anmut und Zartheit – aber auch als Wildheit, Ekstase und Chaos. Weitere feminine Qualitäten entspringen dem Kontakt zu den eigenen Gefühlen und der Fähigkeit, sie auszudrücken, wie die Intuition, die zusammen mit der Kreativität Dinge initiiert.”

 

Lasst es uns besser machen!

 

Sie weist in diesem Interview auch darauf hin, dass die Verachtung des Weiblichen eine jahrhundertelange Tradition hat. Dass Weiblichkeit oft mit Opferhaltung gleichgesetzt wird. Und genau in diese Kerbe schlug an dem Tag auch mein Bekannter. Dabei vereint jeder Mensch in sich weibliche und männliche Anteile. Nur, wenn wir beide Pole in Balance zu halten wissen, können wir in unser wahres Potenzial kommen und frei leben. Eine Idee, die in mir wunderbar resoniert. Seit ich die Weiblichkeit mehr in mein Leben lasse, geht es mir auf seelischer Ebene um einiges besser.

 

Und das ist auch der Grund warum mein Sohn rote Fingernägel haben darf: weil es ein Teil seiner weiblichen Essenz ist, sich kreativ auszudrücken. Der Nagellack ist Ausdruck seiner Kreativität, er spielt mit den Facetten seiner Persönlichkeit. Und Tatsache: die Farbe auf seinen Nägeln hielt ihn auch nicht davon ab abends mit Papa Wrestle-Mania nachzuspielen. Denn das ist auch ein Teil in ihm: Kräfte messen, wild sein, gewinnen wollen.

 

Die Ablehnung des Weiblichen trägt in unserer Gesellschaft so einige faule Früchte. Homosexuelle Männer zu diskriminieren zum Beispiel. Jungs noch immer beizubringen, dass Männer nicht weinen. Eine Suizidrate unter Männern, die mich fassungslos zurücklässt. Belächeln, klein machen, verspotten von allem, was dem eigenen (toxischen!) Bild von Männlichkeit nicht entspricht.

 

Ich wünsche mir für die Zukunft von Herzen ein neues Verständnis der Weiblichkeit. Und es liegt an uns unseren Kindern aus der Rosa-Hellblau-Falle zu helfen. Unsere Männer weinen zu lassen und unsere Kinder dazu zu ermutigen jede Emotion leben zu dürfen. Weil Jungs tief berührt und Mädchen sehr aggressiv sein dürfen. Einfach, weil wir so geschaffen sind: mit einem breiten emotionalen Spektrum, das notwendig ist, um uns selbst zu erfahren.

 

Und deswegen hatte ich an dem Tag, an dem sich mein Sohn wünschte als Erwachsener eine Frau zu sein, auch keine andere Antwort als: “Na klar, Schatz. Du darfst alles sein, was du willst! Es ist dein Leben.”

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lene (Freitag, 12 Oktober 2018 10:58)

    Ich bin so wahnsinnig stolz auf dich. Jeder weitere Blogartikel macht mich stolzer auf dich.
    Gut geschrieben und vollkommen ein Thema der Zeit.
    Ich liebe deine Art und Weise das Ganze anzugehen und ich bin der Meinung, dass sich wahnsinnig viele Menschen eine gute Scheibe von dir abschneiden können.
    Ich stimme dir in der Problematik zu dass es für beide Geschlechter schwer ist die weibliche Seite heraus zu lassen, denn damit wird immer so viel negatives assoziiert wird.
    Also: embrace your feminism! Dein Text ist wahnsinnig schon weiblich und männlich zugleich und einfach genau richtig. Fühl dich ganz fest an mein Herz und meine Seele gedrückt <3

  • #2

    Marina (Freitag, 12 Oktober 2018 21:07)

    Ich habe gebannt bis zum Schluss alles aufgesogen. Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe mich selbst erwischt, als ich den Satz mit dem aggressivem Mädchen gelesen habe und ein mentales "Hä" im Kopf hatte. Endlich geht der Trend hin zu mehr Akzeptanz.