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Geschichten, die wir uns selbst erzählen

Den folgenden Text habe ich bereits vor mehreren Monaten in mein Journal geschrieben. Seitdem hadere ich mit mir ihn zu veröffentlichen. Weil er eine Wunde in meinem Leben anspricht, die bis heute täglich schmerzt und die doch so sehr zu mir gehört, dass ich ohne sie nicht die selbe wäre. Also klicke ich heute auf den Button "veröffentlichen" und sende meinen Schmerz in die Welt - und heile damit ein Stück weiter. Denn es ist Zeit meine Geschichte genau so zu erzählen, wie ich sie empfunden habe. Ohne Ironie. Ohne Witz. Keine Pointe. 

 

Es gibt so Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um aus einem Drama eine Lektion zu machen. Wir wollen positiv und gestärkt aus den Dramen unseres Lebens aufsteigen, ganz, wie Phoenix aus der Asche. Ich bin einsame klasse darin mir mein Leben schön zu reden. Mir damit die Last zu nehmen, die die posttraumatischen Belastungsstörungen immer wieder auf mich ausüben. Eine dieser wundersamen Geschichten ist die der Tochter, die die durch die Scheidung ihrer Eltern erst den Vater verlor, dann den Glauben an die Liebe und zum Schluss sich selbst, nur um ein Comeback zu feiern. Als starke junge Frau, die durch den Schmerz ging, aufarbeitete und vergab, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Glücklich verheiratet, mit Kind, selbstständig, mitten im Studium, straight auf dem Weg eine zehn mal bessere Person zu werden, als ihr Vater es je war.

 

Befeuert vom Applaus der anderen, die mich mein Leben lang begleiteten oder auch erst seit wenigen Wochen auf Instagram, war ich überzeugt davon, dass meine eigene "Größe", meine Beliebtheit, mein Leben "auf der Reihe" - gutbürgerlich und gebildet - meine Rache war am Vater, der dies alles verpasste. Der nicht sehen und verstehen konnte, wie ich wurde, wer ich bin. Ganz ohne ihn. Ich brauchte keinen Vater. Ich erreichte meine Lebensziele auf mich allein gestellt. 

 

Es ist eine glatte Lüge. Alles. 

 

Dass ich es alleine schaffte, ist freilich nicht wahr. Meine Mutter und meine Geschwister gaben mir Halt und einen Grund morgens aufzustehen. Dass mein Vater fehlte, ertränkte ich in Alkohol. Party Party!

Später wurde mein Mann meine Stütze. Gemeinsam bauten wir uns das Leben auf, das wir heute führen. Und auch, wenn ich es mir selbst nicht eingestehen wollte und dabei die Geschichte der starken Frau ersann. Mein Vater fehlte. 

 

Er fehlte, als ich mein Abitur feierte. Er fehlte bei meinem Hochzeitsessen, weil er nach der Trauung so schnell es eben ging verschwand. Ja ich hatte ihn eingeladen, ja er war zur Trauung da. Aber meine Erwartungen an einen Brautvater, die hatte er enttäuscht. Und damit das kleine Mädchen in mir, das seinen Vater anhimmelte. Bis es 15 Jahre alt wurde, nach der Trennung bei ihm lebte und er ihr das Herz brach. 

 

Seine neue Freundin war ständig da. Mit ihr ihre drei Kinder. Sie wurden seine Priorität. Es dauerte nicht lange, bis ich es nicht mehr aushielt und zu meiner Mutter zog. Es störte ihn nicht. Er zog mit seiner neuen Flamme zusammen und vergaß uns. Einfach so war aus dem witzigen, liebevollen Vater ein anderer Mensch geworden. 

 

Auch nach dieser Zeit gibt es viele viele Anekdoten in denen ich und meine Geschwister ihm egal waren. Ja er setzte sogar alle Hebel in Bewegung, um uns das Leben zur Hölle zu machen. Er zielte auf meine Mutter und traf uns Kinder. Wieder und wieder. Wir drei Kinder und meine Mutter haben alle Wege gefunden, um mit dem Leid irgendwie umzugehen. Manchmal überlebten wir auch einfach. Was bleibt, sind die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. 

 

Gestern Abend fragte mich eine Freundin, was ich von meinen Eltern gelernt habe.

 

Und da klaffte sie wieder, die Wunde. Ich versuchte notdürftig ein Pflaster drauf zu kleben, um das blanke Fleisch nicht sehen zu müssen. "Er hat mir durch sein schlechtes Vorbild gezeigt, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Ich versuche es einfach positiv zu sehen." Doch sie hakte nach. "Gibt es nicht auch etwas an ihm, das positiv war?" Ich schluckte. "Ja, er war ein witziger Vater. Er war cool. Vor meinen Freunden war ich immer stolz, dass er kein Spießer war. Er war der tätowierte Biker, der am Sonntagmorgen Rammstein spielte, wenn andere zur Kirche gingen. Ich liebte ihn, ich war richtig verliebt. Bis ich es irgendwann nicht mehr war."

 

Später lag ich im Bett und die Tränen liefen auf mein Kissen. Ich war 34 und vermisste meinen Papa. Er fehlte und fehlt noch immer. Nicht die Person, die er heute ist. Ich vermisse, wer wir waren. Ich vermisse es in ein Elternhaus zu kommen, das ich so schon lange nicht mehr habe. Ich vermisse eine starke Schulter, die eben nicht die meines Mannes ist. Ich vermisse väterlichen Rat und stolzes Lächeln, seufzendes Kopfschütteln und Gelächter bei Erinnerungen an früher. 

 

Meine Therapeutin hat mal gesagt, dass es "das Drama meines Lebens" sei vom Vater verlassen worden zu sein. Meine Geschichte, die ich mir zurecht gezimmert hatte, ließ diesen Schluss nicht zu. Ich wehrte mich vehement gegen diese Betrachtung meiner Geschichte. Doch gestern Abend in der Dunkelheit beschloss ich diesem Drama wieder einen Platz in meinem Leben zu geben. Ich sah es mir an. Ich beweinte es, staubte es ab und setze es an die leere Stelle in meinem Zeitstrahl, die schon ganz durchlässig war, weil ich so oft versucht hatte sie auszuradieren. Der große Cut, der Punkt an dem ich viel zu schnell erwachsen wurde: Er war da. Und ich würde ihn annehmen, integrieren und weiterleben. Als erwachsene Frau mit einem gebrochenen Kinderherz. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jasmin (Sonntag, 07 Juli 2019 11:43)

    Ich kann nicht im geringsten nachvollziehen wie es dir gehen muss, aber der Text ist so voller Gefühle und hat mich richtig berührt. Manchmal muss man Dinge einfach aussprechen � Fühl dich gedrückt