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Was mich zum Weinen bringt

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Gestern war ein beschissener Tag. Es war einer dieser Tage, die mich verzweifelt zurück lassen, weil mich ihre Botschaften kraftlos und machtlos fühlen lassen. An denen ich schluchzend in mein Kissen schreie, weil ich nicht vor und nicht zurück weiß. Und an denen ich es einfach nicht schaffe mich abzugrenzen.

 

Gestern war ein Tag an dem ich das System, in dem wir leben, aus tiefster Seele verachtete. Weil ich weiß, dass es so, wie es ist, nicht "artgerecht" ist. Und, dass viele von uns täglich gegen ihre eigene Wahrheit leben, weil es eben dieses System so von uns verlangt. 

 

Gestern war der Tag an dem ich einer mir nahe stehenden Person sagen musste, wie sehr ich mich vor dem Tag fürchte, an dem sie sich umbringen wird. An dem diese Person mir am Telefon schluchzend gestand sich handlungsunfähig zu fühlen, ihr Leben nicht mehr auf die Reihe zu bekommen, bis zum Hals im Sumpf zu stecken und nicht mehr aus eigener Kraft dort heraus zu kommen. 

 

Gar nichts mehr unter Kontrolle

 

Die Person von der ich schreibe, leidet unter anderem an einer bipolaren Störung. Einem Zustand, in dem betroffene Personen zwischen geradezu euphorischen "Ich hab alles im Griff"-Zuständen und starken depressiven Phasen schwanken, in denen man manchmal vom Schlimmsten ausgehen muss. Und so wechseln sich Wochen in denen Personen morgens ohne Probleme arbeiten gehen und abends sogar noch ein angeregtes und losgelöstes Privatleben führen mit Wochen ab, in denen sie es gerade so schaffen die Augen zu öffnen. Wenn überhaupt. 

 

Ich selbst bin feinfühlig, manche würden es auch hochsensibel nennen. Ich spüre Menschen, mit denen ich in Kontakt komme, sofort. Manchmal weine ich, obwohl es mir gut geht, weil die Trauer eines anderen Menschen mich "ansteckt".  - obwohl bei ihm selbst keine Tränen fließen. Ich spüre Ängste, Blockaden, Freude - eigentlich jede Emotion, die gelebt werden möchte. An manchen Tagen kann ich mich gut abgrenzen und diese Energien anderer Menschen nicht so sehr an mich ranlassen. Gestern habe ich genau das nicht geschafft. Und die Energien, die mir mit aller Wucht entgegen schlugen, zogen mich mit sich hinunter. 

 

Weil ich weiß, wo die Wurzel allen Übels in diesem Fall liegen. Weil ich dieses System verfluche, dass uns zu Leistung und Effizienz antreibt. Das Gesundheit dem Geld unterordnet. In dem viele finanziell ums Überleben kämpfen müssen und es sich daher gar nicht leisten können einen Job hinzuwerfen, um sich intensiv um ihre Heilung zu kümmern. In denen viele Menschen und vor allem Männer (!) eher Suizid begehen, als zuzugeben, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie depressiv sind, sich schwach fühlen, einsam sind. Weil dieses System "Schwäche" verachtet. Weil wir unsere Kinder immer noch dazu erziehen, dass Jungs gefälligst "tapfere Indianer" sein sollen, die keinen Schmerz kennen. Bullshit! Bullshit!!

 

Ich kenne Männer, die am Grab ihrer eigenen Mutter keine Träne verdrücken würden - einfach, weil sie es nicht können. Weil ihnen verboten wurde Schwäche zuzulassen und ihre Emotionen zu zeigen. Schaut hin, was das aus Männern macht!

 

Ich gebe die Hoffnung nicht auf 

 

Und so, wie ich gestern den Schmerz eines Herzmenschen körperlich spüren konnte, so gibt es Tage, an denen ich wahrlich den Schmerz der Welt spüre und es mich schier wahnsinnig macht nicht mehr tun zu können. Auch deshalb habe ich diesen Blog gestartet. Weil ich diesen Schmerz teilen will, auf dass er sich so sehr vervielfacht und wahrgenommen wird, dass wir ihn endlich anerkennen und integrieren können. Alle gemeinsam. Damit sich "etwas" ändert. Zum Beispiel die Art, wie wir unsere Kinder erziehen. Die Art, wie wir unsere Männer dazu ermutigen sie selbst zu sein. Tränen und Schwäche inklusive. Weil ich weiß, dass wir Frauen eine solche Kraft in uns tragen, dass wir den Männern in dieser Welt Raum für ihre Heilung geben können. Um dann gemeinsam zu leuchten. 

 

Ich bin einerseits voller Wut und andererseits voller Hoffnung. Ich weiß, wir können die Veränderung gemeinsam ins Rollen bringen. Einfach indem wir uns gegenseitig Halt geben und uns versichern, dass wir ok sind. Mit allen Macken und Ecken und Kanten. Dass wir uns nicht gegenseitig abtun, als "gestört" und "nicht mehr ganz dicht". Als "gefährlich", "aggro" und "durchgeknallt". Ich möchte, dass wir wieder lernen zuzuhören, ohne ungefragt Rat zu geben. Aus den Erfahrungen anderer zu lernen und ihre Krankheit und ihre Lebensreise anzuerkennen, ohne zu urteilen. 

 

Und deswegen schreibe ich dieser Person nun einen Brief in dem ich all die wunderbaren Dinge aufzähle, die ich so sehr an ihr schätze. Einfach, weil die Person sich selbst nicht mehr zu schätzen weiß. Und, weil ich weiß, dass Liebe das einzige ist, das uns retten kann. 

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